Veranstaltung

Samstag, 24. April 2004
6 . Welt-Tai Chi-Tag - zum zweiten Mal in Heilbronn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begrüßt wurden die Teilnehmer von Sandra Eckstein, zertifizierte Lehrerin des Tai Chi Forums Deutschland, die unterstützt wurde von Agathe Stöckigt, ebenfalls vom Tai Chi Forum Deutschland aus dem Raum Nürnberg – Erlangen. Agathe Stöckigts Partner Lothar Kunkel übernahm einen sehr wichtigen Part: Er hielt die Veranstaltung auf Bild fest. Überraschenderweise war unter den Teilnehmern noch Karin Harms, ebenfalls Lehrerin für Tai Chi Chuan und Qi Gong.

Neben den Schülern von Tai Chi-Lehrerin Sandra Eckstein aus Frankenbach und Neckarbischofsheim fanden sich weitere Übende ein, die zum Teil eine längere Anfahrt hinter sich hatten, wie Bernd und Daniel Clormann mit ihrem Freund David aus Neckargemünd.
Auch Schüler der Tai Chi Schule Heilbronn waren da, sowie einige Teilnehmer, die anlässlich dieser Veranstaltung erstmalig diese chinesischen Gesundheitsübungen ausprobierten.

 

 

Begrüßung und neugieriges, erwartungsvolles Abwarten auf das, was nun kommen wird

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als erstes stand Qi Gong auf dem Programm. Die Gruppe machte sich mit den Übungen aus dem standardisierten Lehrsystem des Tai Chi Forums Deutschland warm. Hier konnten alle, auch Anfänger, ohne Probleme teilnehmen, da es sich um einfache Übungen handelt, die oft wiederholt werden. Zudem gab es zu jeder Übung die entsprechenden Anleitungen durch Agathe Stöckigt und Sandra Eckstein. Ziel dieser Übungen ist es u.a., den Körper zu lockern und zu entspannen, den Energiefluß anzuregen sowie Abstand vom Alltag zu gewinnen.
Nach den Qi Gong-Übungen folgten eine Stehmeditation und das sog. Stehende Chi Kung.
Es war eine schöne entspannte Atmosphäre des gemeinsamen Übens. Die Sonne tat das ihrige, um eine energiereiche und friedliche Stimmung entstehen zu lassen. Dazu die zwitschernden Vögel, das sattgrüne Gras, die blühenden Blumen – und wir mittendrin als Bestandteil der Natur, integriert und hineinpassend…
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Durch die Übenden angelockt, gesellten sich immer mehr Zuschauer zu der Gruppe. Manche machten nur eine kurze Pause auf ihrem Weg zum Einkaufen bzw. wieder nach Hause; andere ließen sich Zeit und gönnten sich eine kleine entspannende Rast – vielleicht um sich selbst unbewusst mit der freigesetzten Energie wieder etwas aufzuladen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als nächstes liefen dann einige der Anwesenden den ersten Teil der langen Yang-Form. Hier vergrößerte sich der Teil der Zuschauer durch ein paar der bisherigen Teilnehmer, die bei den Vorübungen noch mitgemacht hatten. Da es sich bei Tai Chi Chuan um einen langen Bewegungsablauf handelt, ist ein Mitlaufen der Form ohne deren Kenntnisse nahezu unmöglich. Zuschauen hatte allerdings auch was für sich! Man konnte die langsamen, gleichmäßig fließenden Bewegungen der Akteure genießen und sehen, dass sie sich bewegen, als ob sie einen Seidenfaden vom Kokon abwickeln würden: gleichmäßig ohne zu stocken, fließend und rund.
Der erste Teil des langen Yang-Stils "Form 1" ist der Erde zugeordnet. Man steht fest auf seinen Füßen und lernt, eine gute Haltung einzunehmen. Verspannungen werden losgelassen und man richtet sich an der Schwerkraft zur Erde aus, Stress und Anspannungen lässt man sozusagen in die Erde abfließen und erdet sich mental und körperlich; man verbindet sich mit seinem Yin-Pol. Die Bewegungen konzentrieren sich auf vor, zurück, drehen usw. Teil 1 enthält keine Kicks und keine ausgesprochen tiefe Stellungen. Es werden ungefähr 25 Bewegungsabläufe durchgeführt. Dieser Teil ist daher der Einstieg in das Tai Chi Chuan.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun kam die erste Waffe: Der Langstock. Es handelt sich hierbei um einen ca. 2 m langen Rosenholz-Stock. In der Zuordnung der Elemente gehört der Langstock zum Element Holz und hat als Symboltier den Drachen.
Als erstes zeigte Sandra Eckstein die 14 Grundtechniken des Stockes, die aus Abwehr- und Angriffsbewegungen bestanden.
Anschließend kam Frank Braun dazu, so dass beide die Techniken in ihrer Anwendung zeigen konnten. Hier wurde nun offensichtlich, was die einzelnen Techniken bedeuten. Gleichzeitig konnte man auch sehen, dass die Techniken nicht ungefährlich sind, wenn man nicht schnell genug abwehrt.

 

 

 

Zuerst gab es einige Erklärungen zum Langstock (linkes Bild); rechts die Grundtechnik "God"; unten Positionen aus den Anwendungen
Für die nächste Vorführung blieb Frank Braun gleich dabei: Es kam nun ein besonderer Höhepunkt: Eine Tai Chi Partner-Form, auch bekannt als San Shou bzw. Tai Chi Duilian oder Two-Men-Set.
San Shou ist vor dem Freikampf die höchste Stufe der Partnerübung (nach Push Hands und Da lü). Es handelt sich hier um eine Choreografie von Angriff und Verteidigung. Jeder der beiden Partner hat ca. 80 Bewegungen, die aufeinander aufbauen. Man kann beim Üben sehr gut testen, wie stabil man steht und ob man die Bewegungen richtig macht. Denn bei Fehlern wirft einen der Partner einfach um…

Um wieder ein paar Leute mehr mit in die Vorführung einzubeziehen, kam nun Teil 2 der langen Yang-Stil-Form an die Reihe.
Er ist dem Himmel zugeordnet. Dies bedeutet, man lernt, sich nach oben hin aufzurichten, dem Körper Raum zu geben. Man nimmt Verbindung zum Yang-Pol, dem Himmel, auf. Die Bewegungen erweitern sich in die Diagonalen und zur Seite, sowie um einige Kicks. Der zweite Formteil zählt ungefähr 60 Bewegungsabläufe. Durch einige Wiederholungen aus Form 1 und den Erweiterungen baut Teil 2 sinnvoll auf Teil 1 auf und sollte nach diesem gelernt werden.

 

 

Dass Tai Chi Chuan nicht nur langsam ist, sondern auch eine schnelle Komponente enthält, zeigte nun Sandra Eckstein mit der Fast Form, der schnellen Form nach Wei Lun Huang. Sofern man Tai Chi Chuan als vollständiges System üben will, gehört die schnelle Form unbedingt zum Repertoire dazu, denn nur durch die langsame (slow) Form kann man nicht alle Fähigkeiten trainieren, die zu lernen möglich und sinnvoll sind. Tai Chi Übende, die die langsame Form kennen, können in der schnellen durchaus die gleichen Bewegungsbilder wahrnehmen. Sie wurden allerdings etwas angepasst, damit man die Form auch schnell laufen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als weiteres Beispiel für Anwendungen zeigten Marina Mesch und Sandra Eckstein einzelne Bewegungen aus der langsamen langen Yang-Form und deren Bedeutung im Kampf bzw. in der Selbstverteidigung. Es wurde dabei demonstriert, dass die Bewegungen der Form genau aufeinander abgestimmt sind und sich anwendungstechnisch sehr gut aneinanderreihen lassen. Besonders gut passt dies auf die Sequenz „Leu – Chai – Rollback – On“.
Hier konnten die Zuschauer sehen, dass Tai Chi Chuan die Bezeichnung „Kampfkunst“ zu recht trägt, selbst wenn diese Komponente hier in Deutschland ganz gerne vernachlässigt und die Kunst hauptsächlich zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit praktiziert wird. Dies ist zwar richtig, denn dies zählt zu den Wirkungen des Tai Chi Chuan, ist aber nur ein Teil des Ganzen. Denn Tai Chi Chuan hat nun einmal seine Wurzeln in der Kampfkunst.
Zur Ernüchterung aber noch folgender Hinweis: Als Kampfkunst ist Tai Chi Chuan zwar sehr hoch angesiedelt, man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass man nach kurzer Zeit des Unterrichts und des Übens tatsächlich kämpfen kann. Um Tai Chi Chuan als Kampfkunst zu praktizieren bedarf es vieler Jahre intensiven, konsequenten Übens. Da hier mit Energie und nicht mit Kraft gearbeitet wird, dauert es entsprechend lange, bis sich die entsprechenden Fähigkeiten entwickeln. Allerdings: hat man dann diese Fähigkeiten endlich erworben und trainiert, ist man mit Tai Chi Chuan den harten Kampfkünsten überlegen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Anwendung des "Yin-Yang-Fischs"

 

 

Nach dem Runterziehen (leu) des Gegners erfolgt das Wegschieben z.B. am Oberarm mit der Technik cai
Griff lösen durch Bilden des Vogelkopfs bei der "Peitsche"

 

 

 


Erneut bekamen die Zuschauer einen neuen Eindruck, was es noch an Formen gibt: Sandra Eckstein zeigte eine Kung-Fu-Form mit der Hellebarde. Mei Ling Wu, Kung Fu- und Tai-Chi-Meisterin und –Lehrerin, unterrichtete diese Form im Jahr 2002 in der deutsch-chinesischen WuShu-Akademie in Konstanz, die sie zusammen mit ihrem Mann, Dr. Martin Rüttenauer, führt.
Bei dieser Vorführung bekamen alle einen Eindruck inwieweit sich Tai Chi Chuan und Kung-Fu unterscheiden.
Die Hellebarde gehört zu den traditionellen Kung-Fu-Waffen und ist auch in den Shows der Shaolin-Mönche oft vertreten.
Auch in unseren Gegenden gab es früher Hellebarden. Sie sahen allerdings nicht so imposant aus wie die chinesischen. Insbesondere die Frühlings-Herbst-Hellebarde, die Sandra Eckstein verwendete, wirkt besonders wuchtig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als nächstes zeigten die Gäste aus Neckargemünd, Bernd und Daniel Clormann, eine Yang-Stil Fighting Form.
Sie bestand aus nicht ganz so vielen Bewegungen wie die San Shou Form, sondern hatte einige Wiederholungen. Auch waren hier weniger Schritte zu laufen. Man stand mehr auf der Stelle bzw. lief auf der Stelle. Sie ist wohl leichter zu lernen als die lange San Shou-Form.

 

Was natürlich nicht fehlen durfte, war die offizielle Staatsform, die sog. Peking Form. Aus den Teilen 1-3 der langen Yang-Form wurden die wesentlichen Bewegungen herausgenommen und neu zusammengestellt. Dies ist die Form, die die Regierung als erstes offiziell geduldet hatte und die auch heute weit verbreitet ist. Inwieweit diese Form noch die Kampfkunst-Wurzeln in sich trägt, muß ausprobiert werden…

Daniel Clormann zeigte dann noch eine kurze Yang-Stil-Form, die sog. 48-Form.

Als nächstes kamen wieder Waffenformen dran: Sandra Eckstein zeigte die Yang-Stil-Schwertform nach Wei Lun Huang, danach eine Fächerform, die Mei Ling Wu selbst aus Elementen des Yang- und des Chen-Stils zusammengestellt hatte. Man konnte insgesamt sehr gut erkennen, dass jede Waffenform eigene charakteristische Bewegungen hat.
Schließlich zeigte Bernd Clormann die Yang-Stil-Schwert-Form nach King Hung Chu. Hier konnte man wieder gleiche Bewegungsbilder wie bei der vorigen Schwertform erkennen, allerdings wurden sie etwas anders ausgeführt.

Gegen Ende der Veranstaltung gab Sandra Eckstein noch einen Einblick in weitere klassische chinesische innere Kampfkünste: Hsing I Chuan (Xingyi Quan), Bagua Zhang und Tong Bei Chuan, die sie gerade beim Tai Chi Forum Deutschland lernt. Jede dieser Künste hat dabei eine eigene Art der Bewegungsrichtung und besondere Charakteristika. Xingyi Quan ist ein sehr geradliniges System mit großen Schritten. Hier werden die Hauptbewegungen den 5 Elementen zugeordnet oder verschiedenen Tieren. Bagua Zhang orientiert sich an den 8 Richtungen (Ba Gua), an den 8 Trigrammen, und symbolisiert den stetigen Wandel. Im Bagua Zhang läuft man gewöhnlich im Kreis, hat verschiedene Handhaltungen und während der Handwechsel zum Teil recht lange Bewegungsabläufe. Tong Bei Chuan ist das älteste dieser Systeme und man sagt, dass Tai Chi Chuan, Xingyi Quan und Bagza Zhang sich daraus entwickelt hätten. Tong Bei Chuan bedeutet „Durch den Rücken boxen“ und ist gekennzeichnet durch lange, fliegende Arme, die sich aus dem Rücken heraus bewegen. Akustisch ist Tong Bei Chuan auch sehr eindrucksvoll: es klatscht immer wieder, da man sich selbst bei der Ausführung der Übungen und Formen trifft.

Schließlich zeigten Daniel Clormann, Agathe Stöckigt und Sandra Eckstein noch einfache Partnerübungen, die sog. Push Hands, auch als Tui Shou oder klebende Hände bezeichnet. Hier handelt es sich um relativ kurze Bewegungen, die häufig wiederholt werden. Ziel ist dabei, am Partner kleben zu bleiben, diesen und seine Bewegungen zu spüren und entsprechend zu reagieren. Und auch hier ist oberstes Gebot: Weich bleiben! Jede Härte und Anspannung des Partners kann genutzt werden, um ihn zu entwurzeln.

Um die vielen Eindrücke etwas sinken zu lassen, machten alle Teilnehmer noch eine kleine Meditation im Stehen als Abschluß der Veranstaltung.

Abschließend kann ich als Veranstalterin sagen: Schön, dass sich der Welt-Tai-Chi-Tag hier in Frankenbach schon etwas über unsere Grenzen hinaus herumgesprochen hat und auch Teilnehmer kamen, die nicht Schüler von mir sind. Denn genau das möchte ich mit dieser Veranstaltung erreichen: Ein gemeinsames Üben, eine Plattform zum Austausch der verschiedenen Stile und Übungen und ein friedvolles, freundliches miteinander Umgehen.

Ich danke hiermit allen Anwesenden, meinen Schülern, den mir vorher fremden Teilnehmern, denen, die mit mir vorgeführt und zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben und allen, die durch ihre Fotos diese Veranstaltung etwas besser in Erinnerung bleiben lassen.

Heilbronn, im April 2004

Sandra Eckstein


Da der Welt-Tai-Chi-Tag eine Plattform des gemeinsamen Übens und Austauschens ist, zeigte nun Karin Harms eine Übung, bei der wieder alle, auch Anfänger und weniger Geübte mitmachen konnten. Da sie seit einiger Zeit Chen-Tai Chi lernt, lehrte sie eine für diesen Stil essentielle Übung: Reeling Silk oder auch Seidenübung. Alle Teilnehmer waren mit großem Interesse bei dieser neuen Übung dabei und hofften auf eine baldige Wiederholung bzw. Vertiefung.
Am 24.04.2004 fand in Heilbronn-Frankenbach die zweite Veranstaltung zum Welt-Tai-Chi-Tag nach der Premiere im Jahr 2003 statt. Strahlender Sonnenschein begrüßte alle, die sich gegen 10.00 Uhr auf dem ehemaligen Festplatzgelände an der Ecke Dörnle- und Saarbrückener Strasse einfanden, um durch gemeinsames Üben die positiven Energien von Qi Gong und Tai Chi Chuan in die Welt zu schicken.

Der Welt-Tai-Chi-Tag wurde von Bill Douglas, einem Tai Chi-Lehrer aus Kansas City, USA über das Internet ins Leben gerufen.
1998 fand er zunächst in einer einzigen Stadt statt. 1999 waren es bereits 18 Länder, die ebenfalls an diesem Tag feierten. Und seitdem werden es mehr und mehr Länder, die daran teilnehmen.

Ziel des Welt-Tai-Chi-Tages ist es,
- der chinesischen Kultur zu danken, die diese kraftvolle Gesundheitswissenschaft entwickelt und der Welt zur Verfügung gestellt hat,
- möglichst vielen Menschen den hohen gesundheitlichen Nutzen von Tai Chi Chuan und Qi Gong-Übungen zu vermitteln und
- die Gesundheitswissenschaften Tai Chi Chuan und Qi Gong weiter bekannt zu machen.